Kein Laut
Kapitel 1
Der Wind trägt nichts
Der Wind kam vom Meer.
Er kam nicht stürmisch, nicht brüllend, sondern mit dieser
geduldigen, gleichmäßigen Beharrlichkeit, die nur die
norddeutsche Küste kennt. Er schob sich über die Felder, strich
durch das wintermüde Gras, bog die kahlen Zweige der Weiden
und fuhr über die dunklen Wasserläufe, die wie Narben durch das
Land schnitten.
Ostfriesland war weit.
So weit, dass ein einzelnes Haus wie ein Fehler wirkte.
Kommissar Hendrik Claasen hielt den Wagen am Rand eines
schmalen Schotterwegs an und stellte den Motor ab. Die Stille
danach war kein abruptes Schweigen, sondern ein langsames
Auslaufen – das Ticken des heißen Metalls, das ferne Klappern
eines losen Blechs an einem Schuppen irgendwo jenseits der
Felder.
Er blieb einen Moment sitzen.
Das Navigationsgerät hatte ihn vor drei Minuten mit einer
nüchternen Computerstimme hierhergeführt. „Ziel erreicht“, hatte
es gesagt, als stünde er vor einem Café oder einer Tankstelle.
Vor ihm lag nichts als eine lange, gerade Einfahrt. Und am Ende
dieser Einfahrt: das Haus.
Ein moderner Kubus aus Beton, Glas und schwarzem Metall, wie
er eher in den Randbezirken von Hamburg oder Hannover zu
erwarten gewesen wäre. Hier draußen wirkte er wie ein
Fremdkörper. Zu glatt. Zu still.
Claasen öffnete die Tür, und der Wind griff sofort nach ihm.
Er zog den Mantel enger, schloss den Kragen bis unter das Kinn.
Die Luft war kalt und roch nach feuchter Erde und Salz. Ein paar
hundert Meter weiter ragte ein einzelner Windpark in den
Himmel, die Rotoren drehten sich träge.
Er hörte sie.
Das Haus nicht.
„Du warst schon mal hier, oder?“
Die Stimme kam von hinten. Claasen drehte sich um.
Kriminaloberkommissarin Nele Harms stieg gerade aus dem
zweiten Wagen, die Tür schlug dumpf zu. Ihr dunkles Haar war
zum Zopf gebunden, ein paar Strähnen lösten sich sofort im Wind.
„Vor zwei Jahren“, sagte Claasen. „Einbruchserie im Dorf. Nichts
Großes.“
Sie blickte an ihm vorbei auf das Gebäude.
„Und damals stand das schon hier?“
„Gerade fertig geworden.“
Sie pfiff leise durch die Zähne. „Passt hier raus wie ein iPhone in
eine Bauernküche.“
Claasen antwortete nicht. Er musterte die Fensterfront im
Erdgeschoss. Große Scheiben, dreifach verglast, leicht verspiegelt.
Man konnte nicht erkennen, ob sich dahinter etwas bewegte.
,,Familie Reimers“, sagte Nele und klappte ihr Notizbuch auf.
„Vater: Dr. Jonas Reimers. 42. Akustikingenieur. Mutter: Miriam
Reimers, 39. Zwei Kinder. Tim, 9. Lara, 6.“
„Seit wann verschwunden?“
„Nachbarn haben sich gemeldet, weil sie seit drei Tagen
niemanden gesehen haben. Gestern Abend ist das Licht im
Obergeschoss durchgehend an gewesen. Heute Morgen immer
noch. Post stapelt sich im Kasten.“
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Claasen nickte.
„Kein Auto?“
„Die Garage ist leer.“
Sie gingen gemeinsam die Einfahrt entlang. Der Kies knirschte
unter ihren Schuhen. Der Wind war hier schwächer, als würde das
Gebäude ihn abblocken.
Als sie näher kamen, bemerkte Claasen etwas Merkwürdiges.
Er hörte den Wind nicht mehr richtig.
Er blieb stehen.
„Was ist?“, fragte Nele.
Claasen hob eine Hand. Lauschte.
Der Wind wehte noch. Er sah es am Gras. An den kahlen Ästen.
Aber das Geräusch – dieses ständige Rauschen – war gedämpft.
Fast verschluckt.
,,Fällt dir was auf?“, fragte er.
Nele drehte sich langsam um. „Es ist… ruhig.“
Zu ruhig.
Keine klappernden Dachziegel. Kein Pfeifen an den Kanten des
Gebäudes. Keine Vibrationen.
„Schallisolierung“, murmelte Claasen.
„Für ein Einfamilienhaus?“
„Er war Akustikingenieur.“
Sie erreichten die Haustür. Schwarz. Massiv. Keine sichtbare
Klinke, nur ein schmaler Metallgriff. Daneben ein digitales
Bedienfeld.
Claasen drückte auf die Klingel.
Nichts.
Nicht einmal das typische Summen oder ein leises Läuten von
innen.
Er klopfte.
Das Geräusch war stumpf, fast tot.
Nele trat einen Schritt zurück. „Ich hab’ so ein Gefühl.“
„Was für eins?“
„Dass das hier kein normaler Vermisstenfall wird.“
Claasen nickte knapp. Er nahm sein Handy, wählte die Nummer
des Bereitschaftsdienstes.
„Wir brauchen die Spurensicherung. Und einen Schlüsseldienst.“
Er beendete das Gespräch und sah erneut zur Fassade hoch. Im
Obergeschoss brannte tatsächlich Licht. Gelblich. Warm.
Es wirkte, als sei jemand zu Hause.
Vierzig Minuten später stand die Tür offen.
Der Schlüsseldienst hatte kaum drei Minuten gebraucht. „Kein
mechanisches Schloss“, hatte er erklärt. „Elektronisch gesichert,
aber nicht verriegelt. Komisch.“
Claasen betrat als Erster das Haus.
Die Temperatur schlug ihm entgegen wie ein unsichtbarer
Vorhang. Es war warm. Nicht unangenehm – eher exakt
temperiert.
Und still.
Die Art von Stille, die nicht einfach nur Abwesenheit von Geräusch
ist, sondern deren eigene Präsenz. Sie lag wie eine Substanz im
Raum.
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Der Flur war minimalistisch eingerichtet. Helle Wände.
Betonboden. Ein schmaler Schuhschrank. Zwei Kinderjacken an
Haken.
Claasen trat einen Schritt vor.
Er hörte seine eigenen Schritte kaum.
„Das ist ja wie in einem Tonstudio“, flüsterte Nele.
Und selbst ihr Flüstern klang gedämpft.
„Die Wände“, sagte Claasen und strich mit der Hand darüber.
„Mehrschichtige Paneele. Wahrscheinlich spezielle Dämmstoffe.“
„Wozu?“
„Vielleicht Testumgebung.“
Sie gingen weiter ins Wohnzimmer.
Groß. Offen. Eine Glasfront zur Rückseite, dahinter ein schmaler
Garten, der in eine weite Wiesenlandschaft überging.
Der Esstisch war gedeckt.
Vier Teller.
Besteck ordentlich daneben.
Auf einem der Teller lag ein halb gegessener Apfel, die
Schnittfläche braun geworden.
Claasen blieb stehen.
„Das sieht nicht nach geplantem Verschwinden aus“, sagte Nele
leise.
Auf der Kücheninsel stand ein Glas Milch. Geronnen.
Ein Stuhl war umgekippt.
Nicht dramatisch. Eher hastig.
Claasen kniete sich neben den Stuhl. Keine offensichtlichen
Blutspuren. Kein Kampf.
„Wenn sie überfallen wurden, dann sehr sauber“, sagte Nele.
Claasen richtete sich wieder auf. Sein Blick fiel auf die Wand
gegenüber.
Dort hing ein großer Flachbildschirm. Darunter ein schmaler
Medientisch. Mehrere externe Festplatten, sauber beschriftet.
Und eine Kamera.
„Überwachung?“, fragte Nele.
Claasen trat näher. Die Kamera war auf den Raum gerichtet.
„Innenüberwachung“, sagte er.
„Warum filmt man sein eigenes Wohnzimmer?“
Er antwortete nicht.
Er ging weiter. Flur entlang. Kinderzimmer. Alles ordentlich.
Betten gemacht. Spielsachen aufgeräumt.
im Schlafzimmer der Eltern war das Bett ungemacht. Auf dem
Nachttisch lag ein aufgeschlagenes Buch.
Claasen beugte sich vor.
Zwischen den Seiten steckte ein Zettel.
Er zog ihn vorsichtig heraus.
Nur ein Wort.
„Es hört nicht auf.“
Nele trat neben ihn. „Was?“
Er reichte ihr den Zettel.
„Das kann alles bedeuten“, sagte sie, aber ihre Stimme klang nicht
überzeugt.
Claasen spürte ein leichtes Ziehen im Nacken.
„Hast du das auch?“, fragte er.
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„Was?“
„Dieses… Druckgefühl.“
Nele schwieg einen Moment. Dann nickte sie langsam.
„Ja.“
Es war kein Schmerz. Eher ein dumpfes Vibrieren. Kaum
wahrnehmbar. Aber da.
Claasen atmete tief ein.
„Keller“, sagte er.
Die Tür zum Keller war am Ende des Flurs. Schwerer als die
anderen. Metallbeschläge.
Claasen öffnete sie.
Die Treppe führte steil nach unten. Das Licht ging automatisch an.
Auch hier: Stille.
Sie stiegen hinab.
Der Keller war größer als erwartet. Zwei normale Räume –
Werkstatt und Lager. Und am Ende des Flurs eine weitere Tür.
Keine Fenster.
Claasen blieb davor stehen.
„Das ist kein normaler Kellerraum“, sagte er.
Nele strich mit der Hand über die Tür. „Gummidichtung.“
Claasen drückte die Klinke.
Die Tür öffnete sich nur widerwillig, als müsse man sie aus einem
Vakuum lösen.
Der Raum dahinter war quadratisch. Etwa vier Meter breit. Vier
Meter lang. Die Wände waren mit dunklem Material verkleidet.
Keine Regale. Keine Möbel.
In der Mitte: ein Bodenablauf.
Claasen trat ein.
Das Gefühl im Nacken wurde stärker.
„Das ist ein schalltoter Raum“, sagte er leise. „Anechoic Chamber.“
„Wofür baut man so etwas in ein Privathaus?“
Er sah sich um. An einer Wand war ein schmaler Technikschrank
eingelassen. Mehrere Kabel führten hinein.
„Testumgebung“, murmelte er wieder.
Nele ging einen Schritt in den Raum.
„Hendrik…“
Er drehte sich zu ihr um.
Sie hatte den Kopf leicht schief gelegt. Lauschte.
„Hörst du das?“
„Was?“
„Eben war es… als würde etwas…“
Sie brach ab.
Claasen konzentrierte sich.
Zuerst hörte er nichts.
Dann.
Ein kaum wahrnehmbares Pulsieren. Nicht als Ton. Eher als Druck.
Wie eine Welle, die durch den Körper geht, nicht durch das Ohr.
Er schluckte.
„Infraschall“, sagte er.
„Kann man das überhaupt wahrnehmen?“
„Nicht bewusst. Aber der Körper reagiert.“
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Ein weiterer Impuls durchlief ihn. Subtil. Aber stärker.
Nele trat zurück. „Mir wird schlecht.“
Claasen ging zum Technikschrank. Öffnete ihn.
Dahinter: Verstärker. Generatoren. Ein Rechner.
Und eine LED-Anzeige.
Sie leuchtete.
Aktiv.
Claasens Herzschlag beschleunigte sich.
„Das läuft noch“, sagte er.
„Was läuft?“
Er deutete auf das Display.
Eine Zahl flackerte dort.
18 Hz
Nele starrte ihn an. „Was bedeutet das?“
Claasen spürte, wie ihm ein kalter Schauer über den Rücken lief.
„Das ist genau im Bereich, der Panik auslösen kann.“
In diesem Moment vibrierte sein Handy.
Er zuckte zusammen, fast erleichtert über das normale Geräusch.
Er ging ran.
„Claasen.“
Kurzes Schweigen am anderen Ende. Dann die Stimme eines
Kollegen aus der IT.
„Hendrik, wir haben uns die Cloud-Daten der Reimers angesehen.
Da sind Videoaufnahmen.“
„Von was?“
„Vom Wohnzimmer. Von mehreren Tagen. Und…“
Die Leitung knackte.
„Und?“
„Ihr solltet euch das ansehen. Die Familie verhält sich
merkwürdig.“
Claasen sah sich in dem schalltoten Raum um. Die Zahl auf dem
Display blinkte weiter.
18 Hz.
„Was genau meinst du mit merkwürdig?“
Am anderen Ende atmete der Kollege hörbar ein.
„Sie scheinen vor etwas Angst zu haben, das nicht da ist.“
Claasen spürte erneut diesen Druck. Diesmal stärker. Sein Magen
zog sich zusammen.
„Schick es uns“, sagte er.
Er legte auf.
Nele stand noch immer im Raum, die Hand an der Wand. Ihre
Haut wirkte blass.
„Hendrik… ich glaube nicht, dass das hier ein Experiment war.“
Er sah sie an.
„Was dann?“
Sie blickte zum Bodenablauf in der Mitte des Raums.
Und sagte leise:
„Vielleicht war es ein Testlauf.“
In diesem Moment flackerte das Licht.
Nur für einen Sekundenbruchteil.
Aber die Anzeige am Gerät sprang.
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Von 18.
Auf 19.
Und das Pulsieren wurde spürbar stärker.